Vorstellungen
Filmkritik
Die Vorstellung ist politisch völlig inkorrekt, aber irgendwie verlockend. Wer möchte seinen mobbenden Kollegen, seinem Chef oder den lauten Nachbarn nicht mal so richtig eins verpassen oder all die Schmarotzer, die das System doch nur ausbeuten, für immer ins Nirvana schicken? Wäre dies nicht eine wohltuende Katharsis, wenn man wirklich zur Schrotflinte oder zum Holzknüppel greifen oder schlicht die mühsam antrainierten Muskeln einsetzen könnte? Dumm nur, dass es gesellschaftliche Normen gibt, ein gesetzliches Regelwerk, die zehn Gebote und die Idee vom Menschen, der sich als Vernunftwesen begreift und nicht als barbarisches Tier. Was aber wäre, wenn man des kollektiven Seelenheils willen doch einmal im Jahr nur für einen halben Tag all das beiseite schieben und – ohne Sanktionen befürchten zu müssen – die Welt von all dem säubern könnte, was einem das Leben verdrießt? Hätte das nicht weniger Kriminalität zur Folge, weniger Herumlungernde ohne Arbeit – und würde man dann nicht gestärkt, ausgeglichener und ohne negative Energie ins neue Jahr starten? Gedankenspiele sind des Menschen liebste Beschäftigung, und nirgendwo werden sie so konsequent durchgespielt wie im Science Fiction-Film. Wie also würde eine Gesellschaft aussehen, die sich eine solche Auszeit vom Gesellschaftsvertrag nähme? Das ist eine spannende Frage, die allerdings die Macher von „The Purge“ keine Sekunde interessiert. Der Film postuliert zwar, dass es eine totalitäre, mithin religiös fanatisierte Gesellschaft als Basis für ein solches Gedankenspiel bedürfte, in der man auf die Nützlichkeit eines solchen „Reinigungstages“ hin erzogen würde. Aber dann ist es auch schon gut mit all den „unnützen“ Gedanken; einfach nur „spielen“ ist doch besser! Und so lässt der Tag des Zorns auch nicht lange auf sich warten. Kurz werden die Protagonisten eingeführt, die in einem Nobelvorort irgendwo in den USA leben. James Sandin ist Geschäftsmann und damit reich geworden, dass er den Reichen Hochsicherheitsanlagen verkauft, die aus den Eigenheimen „Purge“-sichere Festungen machen. Seine Frau Mary ergibt sich dem Alltag eines „Desperate Housewife“, die beiden Kinder Charlie und Zoey mimen den pubertierenden Gegenpool zur elterlichen Liebe. Dann kann das Spiel beginnen: Die Sandins lassen die Schotten runter, weil sie zwar Patrioten, aber keine Mörder sein wollen. Sohn Charlie plagt indes das Gewissen, weshalb er die Schutzschilde kurz deaktiviert, um einen vom Mob gehetzten Schwarzen hereinzulassen. Zoeys Freund Henry ist ebenfalls unerlaubt im Haus und möchte James mit aller Macht davon überzeugen, dass er ein potentieller Schwiegersohn ist. Draußen lauern derweil nicht nur die jugendlichen Jäger des Schwarzen, sondern auch die Nachbarschaft, die den Sandins ihren Reichtum neidet. So hat sich die Musterfamilie den Feiertag kaum vorgestellt. Der Zuschauer bekommt indes einen klassischen Home-Invasion-Plot präsentiert, in dem die Gegner nicht nur draußen, sondern bereits drinnen lauern. Am Ende gibt es absehbare wie unabsehbare Todesfälle, und damit man nicht zu viele Fragen stellt, ist das Spektakel nach 85 Minuten und kurz nach dem Ende der Säuberung auch schon vorbei. Das Gedankenspiel eines Säuberungstages wird damit auf dem Altar des Spektakels geopfert. Die implizite Kritik an einem totalitären Gottesstaat verpufft komplett. Die Pervertierung der Gesellschaft wird zwar konstatiert, aber nicht weiter hinterfragt.











