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Filmkritik
Kann ein gewalttätiger Film die Botschaft vom Wert des menschlichen Lebens vermitteln? Genau dieses Paradox macht „Terminator 2“ von James Cameron so interessant. Im ersten „Terminator“-Film wurde eine von Arnold Schwarzenegger gespielte Killermaschine aus der Zukunft auf die Erde geschickt, um Sarah Connor zu töten, deren ungeborener Sohn einmal zum Anführer des Widerstandes gegen die Herrschaft der Maschinen werden soll. Es lag in der Natur des Terminators, zu zerstören und zu töten, um quasi retrospektiv die Zukunft zu verändern. Darauf war er programmiert.
In der Fortsetzung wird der Schwarzenegger-Terminator nun umgepolt. Er ist nun nicht mehr das neueste Modell, wohl aber das einzige, das Connors Sohn John im Jahre 2029 zur Seite steht, um den zehnjährigen Jungen zu beschützen. Nach dem erfolglosen Angriff auf das Leben von Johns Mutter haben die Maschinen jetzt einen neuen Plan zur Korrektur der Geschichte. Der Abgesandte, der John nach dem Leben trachtet, ist ein weiterentwickeltes Modell, dessen Grundstoff nicht blinkender Stahl ist, sondern flüssiges Metall. Das gestattet dem neuen Terminator (Robert Patrick), in Sekundenschnelle jede gewünschte Gestalt anzunehmen und seine Opfer dadurch zu täuschen.
Was man in „Terminator 2“ vor sich hat, ist also der Kampf zweier Killermaschinen gegeneinander, ein auch nicht mehr ganz frisches Konzept (siehe „Robocop 2“). Doch anstatt das martialische Spiel aus dem ersten „Terminator“-Film zu potenzieren, indem nun zwei gewissenlose, aufs Töten programmierte Maschinen das Geschehen beherrschen, polt Cameron auch die moralische Codierung um.
Entsetzt über die Reaktion
Hinter diesem Twist steht, wenn man Selbstäußerungen des Regisseurs glauben kann, eine tiefe Irritation über die Reaktionen des Publikums. Cameron, der erst 29 Jahre alt war, als er „Terminator“ (1984) drehte und nach den Lehrjahren in der Werkstatt von Roger Corman durch diesen Film zum gefragten Hollywood-Regisseur aufstieg, hat schon in „Aliens“ (1986) und „The Abyss“ (1989) bewiesen, dass ihn nicht mehr nur die technische Realisation von Gewaltakten interessiert, sondern vielmehr die intimeren Dimensionen menschlicher Konflikte und Beziehungen.
Die Auswirkungen, die seine „Terminator“-„Fantasie von Stärke und Gewalt" auf die Zuschauer und die Filmindustrie hatte, betrachtete er inzwischen offenbar mit Distanz. Das Publikum habe sich geradezu mit der Maschinenfigur identifiziert und in ihr nicht mehr das Böse gesehen, sondern die im Leben so häufig vermisste Chance, Überlegenheit bis über jene Grenze hinaus zu beweisen, wo einen nichts mehr stoppen kann. Die revisionistische Ideologie, die im Terminator plötzlich den Helden erblickte, und die Vorbehaltlosigkeit, mit der sich die Hollywood-Industrie auf Nachahmungen stürzte, beunruhigten Cameron und veranlassten ihn, den neuen Film mit einer moralischen Irritation zu versehen, die „dem Zuschauer helfen soll, für sich selbst den Begriff von Recht und Unrecht neu zu definieren“.
Moralische Lektion mit komischer Konsequenz
„Terminator 2 – Tag der Abrechnung“ beginnt wie eine konsequente Fortsetzung des Vorgängerfilms, den er in vielen Szenen imitiert. Doch sobald der Schwarzenegger-Terminator sein Schutzobjekt, den zehnjährigen John (Edward Furlong), gefunden hat, werden die automatisierten Kampfprinzipien der Maschine zum ersten Mal in Frage gestellt. Der Junge ist schlichtweg entsetzt, dass der Terminator jeden Gegner einfach tötet, obwohl dazu gar keine Notwendigkeit besteht. Er versucht, dem Maschinenwesen das Unrecht seines Handelns klarzumachen, doch der Cyborg versteht ihn nicht. Als John schließlich merkt, dass der Terminator von seinem eigenen, also Johns erwachsenen Ich so programmiert wurde, dass er seinen Anweisungen gehorchen muss, verbietet er ihm kurzerhand, weiter Menschen zu töten. Was der zunächst (nicht ungeschickt) dadurch beantwortet, dass er künftig allen Gegnern nur noch in die Beine schießt.
Von einem anderen Ende her wird das Thema weitergeführt. Sarah Connor (Linda Hamilton) ist aufgrund ihrer Visionen einer atomaren Katastrophe, die von den Maschinen angefacht wird, in einer Nervenheilanstalt gelandet. Sie ist von der Idee besessen, die Katastrophe zu verhindern. Als sie mit Hilfe des Terminators der Anstalt entkommt, kennt sie deshalb nur ein Ziel: den Wissenschaftler, durch dessen Arbeit die Computer in der Zukunft Macht über die Menschen erlangen, zu töten (sozusagen die Parallele zum Auftrag der Killermaschinen).
Sie dringt mit Waffengewalt in dessen Haus ein; doch als sie vor ihm steht, kann sie ihn nicht töten. „Was ist der Sinn des Überlebens, wenn man verliert, was man zu schützen versucht? Warum den Kampf gegen die Maschinen gewinnen, wenn man darüber seine Menschlichkeit verliert?“, hat James Cameron in einem Interview verlauten lassen.
Ethik & Maschinenhirn
Linda Hamilton ist eine Schauspielerin, die genau dies auch ohne Worte sichtbar machen kann. Obwohl der Film vom Wettlauf der beiden gegensätzlich programmierten Maschinen beherrscht wird, und obwohl der technische Aufwand der Kampfszenen und die Tricktechnik immer wieder alle Aufmerksamkeit beanspruchen, geht das unterschwellige Thema nicht verloren. Es steigert sich an der Schwarzenegger-Figur sogar aus der zunächst bloß komischen Komponente zu einem spannenden Konflikt: Wie wird das Maschinengehirn damit fertig, dass es durch die permanenten Vorhaltungen eines zehnjährigen Jungen zum ersten Mal zum Nachdenken gezwungen wird? Die Antwort erfährt man erst in der letzten Szene des Films.
Ist „Terminator 2“ also die moralische Umkehrung des martialischen Prinzips seines Vorgängers? Wohl kaum. Denn obwohl der Regisseur mit großer und glaubwürdig motivierter Konsequenz die fatale Bewunderung der gewissenlosen Killermaschine kontert, entwirft er auf der Gegenseite ein in seiner Faszination nicht minder verführerisches Bild des Top-Modells einer neuen Terminator-Generation. Dieser neue Terminator wird zwar eindeutig als das böse Element gekennzeichnet, vermag aber durch die verblüffende Realisation seiner übermenschlichen Fähigkeiten über weite Strecken der von Cameron selbst zitierten Gefahr nicht zu entgehen, dass er seinerseits zur Identifikation mit der in ihm verkörperten Überlegenheit einlädt.
Der Wert menschlichen Lebens
Der "T 1000" genannten Killermaschine gestattet Cameron nach wie vor die von moralischen Skrupeln unbelastete Tötung von Menschen, die mit allen erdenklichen, tricktechnisch erneut perfekt ins Bild gesetzt wird. So bewegt sich „Terminator 2“ weiterhin auf der Grenze zwischen moralischer Differenzierung und der von einem 90-Millionen-Dollar-Budget nicht nur geförderten, sondern wohl auch geforderten Auskostung von Gewalttaten. Die beabsichtigte Katharsis bleibt in diesem Dilemma stecken. Immerhin wäre es aufschlussreich, die Antwort der Zuschauer auf die allerletzte Frage des Films zu erfahren, ob sie – analog zur Schwarzenegger-Maschine - den Wert des menschlichen Lebens schätzen gelernt haben.











