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Filmkritik
Ein Ferienlager bedeutet für Kinder und Jugendliche meist einen ersten Schritt der Emanzipation – weg von den Eltern und rein ins Abenteuer mit Gleichaltrigen. Dass die 17-jährige Ivy (Bella Ramsey) darauf gereizt reagiert, als ihre Eltern sie dafür anmelden, hat einen triftigen Grund. Ivy war an Krebs erkrankt; augenblicklich hat sie die Krankheit überwunden. Durch die Behandlung aber hat sich die Jugendliche abgekapselt, ist aggressiv geworden und lässt sich emotional nur schwer erreichen. Ivy fühlt sich von gesunden Menschen, ihren Eltern und Mitschülern, missverstanden. Auch deshalb möchte sie nicht ins „Chemo Camp“, das eigentlich CRF heißt, für „Children Run Free“. Hin muss sie trotzdem.
Gleich zu Beginn der Ferien stößt sie mit dem Leiter des Camps zusammen. Ivy hat beschlossen, eine Spielverderberin zu sein. Sie boykottiert Veranstaltungen und stört, wo sie nur kann. Das bringt ihr den Respekt einer Teenager-Clique ein, die schon seit Jahren den Sommer über im Camp verbringt. Mit Jake (Daniel Quinn-Toye), Ralph (Earl Cave), ihrer Zimmernachbarin Ella (Ruby Stokes) sowie Archie (Conrad Khan) und Maisie (Jasmine Elcock) knüpft sie bald freundschaftlichen Kontakt. Sie entdeckt, dass auch diese sich hinter Zynismus und Aufmüpfigkeit verstecken, um ihre Ängste und Sorgen zu bekämpfen – der Krebs kann jederzeit wiederkommen. In der Gegenwart ihrer Leidensgenossen entspannt Ivy merklich. Unter ihnen kann sie sie selbst sein; sie muss sich nicht lange erklären, weil die anderen ihr Verhalten nachempfinden können.
Sechs Wochen in einer anderen Welt
Die Clique reißt böse Scherze über den Krebs, büxt zum nahegelegenen See oder auf den Rummelplatz aus, trinkt, tanzt und treibt sich auch nachts draußen herum. Während Ivy sich immer mehr dem attraktiven Jake nähert, ist Ella unglücklich in den 24-jährigen Betreuer Tristan (Louis Gaunt) verliebt. Die Zeit im Camp vergeht schneller, als es Ivy recht ist. Doch die tückische Krankheit, gegen die sie und ihre Freunde kämpfen, streckt immer wieder ihre gefährlichen Krallen aus.
Die Handlung des Jugendfilms von George Jaques dauert in etwa so lange wie die sechs Wochen des Ferienlagers. Die Wochenstruktur fungiert auch im Film als Zeitorientierung und beschreibt Ivys Fortschritte. Von der Rebellin um der Rebellion willen entwickelt sie sich zum Teamplayer sowie zum geschätzten – und geliebten – Mitglied der Clique. Die Inszenierung und die Spielfreude der wunderbaren Darsteller erden den Film und lassen ihn sehr realistisch erscheinen.
Die Jugendlichen des Camps sind eine schwierige, hypersensible Klientel. Das wissen auch die Betreuer und Psychotherapeuten, bei denen Ivy und ihre Freunde regelmäßig vorstellig werden. An der Betreuerin Brenda (Josie Walker) lassen die Jugendlichen gerne ihren Frust aus, ebenso wie an dem Leiter Patrick (Neil Patrick Harris). Doch die Figuren sind nicht eindimensional. Jeder und jede hat sein Päckchen zu tragen, und mit Wut, Hilflosigkeit und Trauer gehen alle anders um. Auch Ivys Eltern versuchen, ihre Tochter so gut es geht zu unterstützen. Die auf sich selbst fokussierte Heranwachsende übersieht dabei, dass auch ihre Eltern leiden. Der Film gibt dem Publikum diese Perspektive mit, ohne zu didaktisch zu werden.
Erste Küsse, erster Sex
Einige Situationen lassen sich mit britischem Humor lösen, andere nicht. In der Abgeschiedenheit der schottischen Natur haben die Jugendlichen allerdings keine Wahl. Sie müssen sich aufeinander und schließlich auch auf sich selbst einlassen. Das führt zu schönen filmischen Bildern: beim gemeinsamen Baden, Kanufahren oder am Lagerfeuer. Doch die Krankheit lauert wie ein unheimlicher und unsichtbarer Begleiter, der sich jederzeit offenbaren kann.
Dennoch unterschlägt der Film mit Szenen der Ausgelassenheit und Freude nicht die typischen Gefühle und Aktionen von Teenagern. Sie wollen das Leben spüren, und zwar mehr als andere, weil ihre Zeit begrenzt sein kann. Erste Küsse, erster Sex sowie Liebeskummer und Abfuhren gehören zum Erwachsenwerden dazu. Als Leitmotiv erweist sich dabei der Song „I Don’t Feel Like Dancin'“ von den Scissor Sisters. Es ist Ivys Familiensong, den sie auch ihren neuen Freunden nahebringt. Er fasst ihr Dilemma zusammen. Sie will leben, lieben, ausgelassen sein – aber es stellt sich die Frage, ob der Aufwand sich lohnt, wenn alles ganz schnell vorbei sein kann?
Die Inszenierung tut lange alles, um diesen Konflikt überzeugend darzustellen. Doch am Ende kommt es dann allerdings dicker als nötig. Da bedient der Film ein „Sixth-Sense“-Klischee, mit dem er übers Ziel hinausschießt und der ohnehin schon gebeutelten jungen Protagonistin unendliches Leid widerfahren lässt. Das schmälert die sehr organische Erzählung und verpasst ihr ein unnötiges und demonstratives Finale. Dennoch fängt „Sunny Dancer“ das Lebensgefühl junger Leute in einer Extremsituation sehr vielschichtig ein, weil der Film emotional, aber nicht kitschig erzählt und ein breites Publikum anspricht.











