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Le Lac

80 minDramaFSK 12
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Mit ganzer Hingabe nehmen eine Frau und ein Mann an einem mehrtägigen Segelrennen auf einem großen See teil. Man möchte den See überqueren, doch es scheint unmöglich – jedes Lebenszeichen fehlt. Und doch ist das Leben spürbar: im Rauschen der Wellen, im Wind, in den ziehenden Wolken und im einsamen Ruf der Vögel. Um weiterzukommen, muss man nach innen lauschen – auf den Herzschlag der Natur.

Zu Schwarzbild ist prasselnder Regen zu hören, allmählich geht er in Donnergrollen über. Eine Hand streicht im Halbdunkel über eine Wand, leuchtend weiße Teilchen strömen wie Sternenstaub über die Fläche. Geräusche von Wasser, gemischt mit holzig schlagenden Klängen dringen näher. Ein Bullauge, die Sicht verdeckt durch Lagen von Stoff. Der Wind weht sie zur Seite und öffnet den Blick: auf Mast, Segel, nächtlichen Himmel.

Der Beginn von „Le Lac“ von Fabrice Aragno wirkt wie eine Ouvertüre, die auf ein sensorisches Erlebnis einstimmt. Die Sinne schärfen für Hören, Sehen, Fühlen. Bald kommen zu Klängen und Licht, zu Texturen und Bewegungen zwei namenlose Figuren hinzu: eine Frau und ein Mann. Mit ihnen, dem nicht mehr jungen, aber athletischen Paar, begibt sich der Film auf eine mehrtätige Segelregatta über den Genfer See.

Die Kamera schaukelt mit dem Wasser

Die Perspektive ist an das Boot gebunden und multidirektional, sie gilt Manövern und Handgriffen, Seil, Winsch und Segel, Bugwellen, Gischt, wehendem Haar, Farben. Das Boot gleitet über nahezu glattes Wasser, dann wieder kämpft es mit den Widerständen der rauen See. Die Kamera schaukelt mit, ist mal hier und mal dort, oben und unten, auf die klare Linie des Horizonts folgen diagonale Sichtachsen. So nimmt sie vom Deck die Spitze des Segelmasts in den Blick oder sie begibt sich unter Wasser, wo der Mann den Bootsrumpf von Seegras befreit. Gelegentlich gibt es Bilder vom Ufer, idyllische Miniaturen: Familien, ein Vater mit seinem kleinen Kind, das erste Schritte über einen knorrigen, ins Wasser ragenden Baumstamm macht, ein junges Liebespaar, Privatgrundstücke wohlhabender Menschen, bei Nacht das Lichtermeer in der Ferne, andere Leben.

„Le Lac“ von Fabrice Aragno, der als Kameramann, Produzent, Editor und Toningenieur langjähriger Mitarbeiter von Jean-Luc Godard war, kümmert sich nicht um den sportlichen Wettbewerb und ist als Spielfilm kaum mehr als ein Fragment. Und auch wenn einiges daran dokumentarisch ist – das Untergehen der Sonne und der Anbruch des Tages, der klare Sternenhimmel, das Gewitter, das irgendwann aufzieht –, wird die bloße Aufzeichnung realer Ereignisse durch eine zu Transzendenz neigende Inszenierung überformt. Zum impressionistischen Natur- und Landschaftsfilm läuft stets ein Seelenlandschaftsfilm mit. Ein schwer zu greifendes Gefühl von Verlust und Abschied durchdringt die Bilder und Töne wie auch die Stille.

Sie schauen aufs Wasser oder ins Nichts

Die Elemente machen etwas mit den Figuren und umgekehrt: die Figuren verändern den Blick auf die Naturgewalten. Von ihren Dialogen sind nur vereinzelte Sätze zu hören, meist sind sie mit dem Boot beschäftigt, schauen aufs Wasser oder ins Nichts. Die Blicke der Frau sind eingetrübt, schwer, aufgeladen durch unvermittelt dazwischen montierte Bilder, die sie mit dem Mann schweigend in einem Haus zeigen oder in enger Umarmung auf einer Wiese liegend. Der Sound wird leise und selektiv, zu hören ist Vogelgezwitscher, nicht aber das Gespräch des Paares, es bleibt tonlos.

„Le Lac“ ist ein kontemplatives Erlebnis, frei und ungebunden in seiner Form, es gibt plötzliche Wechsel im Bildformat, optische Verzerrungen und Jump Cuts sowie Wechsel von Geschwindigkeit und Stillstand, Klang und Stille. Mit den glatten Digitalbildern – und nicht zuletzt mit den Tech-Wear-Klamotten – mischt sich aber auch ein rustikales, sportives Element in die experimentelle Sprache. Aufeinander treffen zudem zwei sehr unterschiedliche Weisen der Darstellung. Der Mann – wettergegerbtes Gesicht, weißes Haar, Typ: Werbegesicht für Outdoor-Artikel – wird von dem Schweizer Segler Bernard Stamm verkörpert, die Frau von der französischen Schauspielerin Clotilde Courau. In ihrer Mimik und dem Blick – die Augen scheinen kurz davor, von Tränen überflutet zu werden – liegt viel Bedeutung. Der Mann hingegen bleibt unbeschrieben und ist, was er ist: ein Skipper.

Der Schmerz bekommt eine Umgebung

In „Empfindungen vor Friedrichs Seelenlandschaft“, einem Text zu Caspar David Friedrichs Gemälde „Der Mönch am Meer“, schrieb Heinrich von Kleist über die Unmöglichkeit angesichts der unbegrenzten Wasserwüste „hinüber“ zu können: „… daß man Alles zum Leben vermisst, und die Stimme des Lebens dennoch im Rauschen der Fluth, im Wehen der Luft, im Ziehen der Wolken, dem einsamen Geschrei der Vögel, vernimmt.“ Wenn am Ende von „Le Lac“ die Zeilen aus dem Off verlesen werden, bekommt der Schmerz, der den Film durchpulst, eine Umgebung.

Veröffentlicht auf filmdienst.deLe LacVon: Esther Buss (31.8.2026)
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