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Exit 8

95 minHorror, MysteryFSK 12
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Ein Mann ist in einem seltsam sterilen U-Bahn-Gang gefangen, der sich in einer scheinbar endlosen Schleife ständig wiederholt. Um zu entkommen, muss er den „Exit 8“ finden. Die Regeln sind einfach: Entdeckst du eine Veränderung, kehr sofort um. Entdeckst du keine, geh weiter. Wenn du auch nur einen einzigen Hinweis übersiehst, musst du zurück zum Anfang. Wird er je den „Exit 8“ finden und diesem albtraumhaften Labyrinth entkommen?
EXIT 8 fängt den unheimlichen Sog des BACKROOMS-Phänomens ein und macht aus einem scheinbar gewöhnlichen U-Bahn-Gang einen Ort ohne Entkommen. Was als kleines Indie-Game im Netz viral ging und sich zum Sensations-Hit mit Millionen Downloads entwickelte, hat Regisseur Genki Kawamura in einen unheimlichen Kino-Trip verwandelt, der von der ersten Minute an in seinen hypnotischen Bann zieht.

Ein langer Gang. Gekachelte, weiße Wände. Surrende Halogenstrahler. Werbeplakate für Kunstausstellungen, Minijobs und U-Bahn-Verhaltensregeln. Ein flaches, gelbes Schild unter der Decke sagt: „Ausgang Nummer 8“. Genau diesen sucht ein junger Mann, gedankenverloren folgt er dem Pfeil, rückt seine Kopfhörer zurecht. Am Ende des Gangs biegt er um eine Ecke, dann um noch eine, schaut nach oben. Auf dem gelben Schild steht erneut: „Ausgang Nummer 8“.

Mit „Exit 8“ nimmt sich Regisseur Genki Kawamura des gleichnamigen viralen Videospiel-Hits an. Das Spielziel mutet einfach an: Die Figur muss den Ausgang Nummer 8 finden und der U-Bahn-Station entkommen. Eben dieses Ziel verfolgt der namenlose Protagonist (Kazunari Ninomiya). Warum er hier gestrandet ist, bleibt offen. Der junge Mann hat jedoch mit sich und der Welt zu kämpfen: Kurz zuvor sieht man ihn in einer überfüllten U-Bahn, er blendet die Welt durch Musik aus, fokussiert auf sein Spiegelbild in der Wagontür. Als ein genervter Pendler eine junge Mutter mit ihrem Baby anschreit und im überfüllten Bahnwagon denunziert, schaut er nur kurz hin – und dreht die Musik lauter.

Ein beunruhigend generischer U-Bahn-Flur

Kawamura und sein Co-Autor Hirase Kentaro statten ihre Hauptfigur nur mit dem Notwendigsten aus. Ein unscheinbares, introvertiertes Auftreten; eine bröckelnde Liebe, die ihn per Telefon über eine ungeplante Schwangerschaft informiert; eine traumatische Kindheit in Abwesenheit des Vaters. Für die Funktionalität von „Exit 8“ erweist sich die Skizzenhaftigkeit jedoch als Gewinn. Sie lässt Raum für Interpretationen – und für den Horror, sich langsam zu entfalten.

Sobald sich der junge Mann nach einem „One-Shot“-Lauf plötzlich immer wieder im selben gekachelten U-Bahn-Gang wiederfindet, verlässt „Exit 8“ die Ego-Perspektive und widmet sich dem Räumlichen in Gänze. Nichts an diesem Gang wirkt verdächtig, eher umgekehrt: Er ist beunruhigend generisch. Diese erzwungene Entschleunigung lässt das Normale zum Unheimlichen mutieren. Die sterile Kacheloptik lässt den Gang mit jeder Schleife, die der Protagonist durchläuft, immer endloser erscheinen, obwohl sich baulich nichts verändert.

Das Spiel mit der Endlosigkeit

„Exit 8“ arbeitet intensiv, wenngleich etwas zu offensiv mit dem Motiv der Endlosigkeit. Ein Plakat kündigt eine Ausstellung von Maurits Escher an, bekannt für seine unmöglichen Figuren wie etwa die Penrose-Treppe. Ravels „Bolero“ läutet den Übergang in die endlose U-Bahn-Schleife ein. Der japanische Indie-Horrorfilm schafft es, technisch wie gestalterisch eine vollends fühlbare Videospiel-Atmosphäre zu erschaffen. Der Limbus erklärt sich nie selbst, lediglich ein Hinweisschild erklärt bei jedem Betreten die notwendigen Regeln, um zu gewinnen.

Die wichtigste Regel: Entdeckt der Spieler eine Anomalie, die von dem gelernten Standard-Gang abweicht, muss er umkehren. Der Protagonist muss jedes Mal erneut diese Entscheidung treffen, legt sich Merkmuster an, um Abweichungen zu erkennen. Da „Exit 8“ keine erzählerische Brechung durch andere Schauplätze vornimmt, nimmt die Immersion immer weiter Fahrt auf – sogar so weit, dass man sich als Zuschauer dabei ertappt, die Checkliste mit der Anzahl und Anordnung von Gegenständen im Kopf durchzugehen.

So entsteht ein immersiver Sog, der sich zunehmend allegorisch an Dante Alighieris Höllenkreise annähert. Eine abgekapselte, menschenfeindliche Welt, deren Logik es erst zu ergründen gilt. Diesen Mitfieber-Anreiz lieferte etwa Vincenzo Natali wegweisend mit seinem Indie-Horrorfilm „Cube. „Exit 8“ baut seinen Mystery-Komplex ohne Rettungsleine. Der verkopfte Youtube-Horrorfilm „Backrooms“ ließ dies zuletzt auf weiten Strecken vermissen.

Mit jedem Schritt näher am Höllenfeuer

Vermeintlich sichere Gänge, die im Detail doch eine Abwandlung beherbergen und einen Reset auslösen, entpuppen sich in „Exit 8“ als ebenso erschreckend wie surreale Anomalien, die Kreaturen oder physikalisch unmögliche Phänomene auslösen. Der Perspektivwechsel zu zwei vermeintlichen „Nicht-Spieler-Charakteren“ und deren Verbindung zum Limbus offenbart, dass Verirrte sich durch ihre persönliche Vorhölle manövrieren müssen, tief bis zu ihrem eigenen Kern – und welche fatalen Auswirkungen ein Fehltritt hat.

Mit jedem Schritt kommt der junge Mann seiner eigenen Hölle näher, stellt bisher selbstverständliche Moralvorstellungen in Frage. Der Ausgang, dem er verzweifelt entgegenläuft, offenbart sich zunehmend nicht als Treppe aus Steinen und Beton, sondern als eine von metaphorischer Art. Es geht längst nicht mehr um sein eigenes Leben, sondern auch um das seines ungeborenen Kindes. Eine Verantwortung, die er bisher nie an sich herangelassen hat. Diese moralisch-aufgeladene Motivation mag zunächst stumpf wirken. Angesichts der Entwicklungen in der echten Welt, in der sich Menschen immer mehr in persönliche Komfortzonen retten, sich mit eskapistischen Tech-Drogen betäuben und Mitmenschen wie Verantwortlichkeiten einfach stummschalten, braucht es vielleicht ebensolche Impulse, die einen Ausweg zeigen.

Veröffentlicht auf filmdienst.deExit 8Von: Steffen Buchmann (17.8.2026)
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