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Filmkritik
Die alte Feuerwerksfabrik Obinata, die sich zwischen einem mystischen Wald und einer einsamen Bucht befindet, sieht wie ein gigantisches Baumhaus aus. Verschiedene, teils unfertige kleine Häuser sowie Brücken, Balkone und verschnörkelte Regenrinnen schieben sich in dem turmartigen Holzgebäude ohne erkennbare Ordnung ineinander. Noch chaotischer wird es im labyrinthischen, mit allerlei Klimbim verhangenen und zugestellten Inneren.
Die junge Kaoru hat sich hierhin mit den beiden Brüdern Keitaro und Sentaro, deren auf mysteriöse Weise verschwundener Vater die Fabrik einst leitete, zurückgezogen. Anders als in der Außenwelt kann sich die Fantasie des Trios an diesem Ort noch hemmungslos entfalten. Überhaupt wirkt das Haus wie ein von der Wirklichkeit entrücktes Symbol jugendlichen Überschwangs, in dem Energie und Kreativität wild wuchern können, ohne von der Vernunft eines Erwachsenen gezähmt zu werden.
Die Räumung der Fabrik steht an
Im Anime „A New Dawn“ ist dieses Refugium nun in Gefahr: Bald soll die Fabrik einer neuen Straße weichen. Zuvor schon haben Sentaro und Kaoru die Provinz und damit auch die Tradition hinter sich gelassen, um einem modernen Leben in Tokio nachzugehen. Er wollte dort beruflich Karriere machen, sie betrieb immerhin einen populären Social-Media-Kanal mit rapide steigender Followerzahl. Der jüngere und deutlich verschlossenere Keitaro hielt währenddessen die Stellung. Als die Räumung der Fabrik ansteht, kehren auch Kaoru und Sentaro zurück, um ihren Freund und Bruder zu unterstützen. Die drei müssen sich nun nicht nur einen ausgeklügelten Plan zur Verteidigung überlegen, sondern sich auch verdrängten Gefühlen und Gedanken stellen.
Yoshitoshi Shinomiya, der bisher unter anderem als Animator für Makoto Shinkai („Your Name“) tätig war, erzählt in seinem Regiedebüt von jungen Helden, die ihre Träume gegen die dröge Welt der Erwachsenen verteidigen. Als Zuschauer wird man regelrecht in ihre Welt geworfen. Die Kamera wirbelt pausenlos durch die Gegend, die Schnittfrequenz ist hoch und die Emotionen der Protagonisten sind konsequent am Siedepunkt. Äußerlich ist „A New Dawn“ ungemein einnehmend, voller liebevoller Details, visueller Einfälle und ungewöhnlicher Perspektiven. Die Natur wirkt wie ein eigener Organismus, der sich in pastellfarbenen Aquarell-Flächen verliert und von einem geheimnisvollen wabernden Schleier überzogen ist, die Fabrik wie ein Abenteuerspielplatz der unbegrenzten Möglichkeiten.
Das Geheimnis des Feuerwerks
An Erfindungsreichtum mangelt es „A New Dawn“ nicht. Als Sentaro zu viel vergorenen Tee trinkt, halluziniert er sich eine Stop-Motion-Realfilmsequenz mit kleinen, quietschenden Plastikfiguren zusammen. Auch sonst verlieren sich die Figuren immer wieder in ihrer Fantasie, gleiten in mysteriösen Wasserwelten oder schweben zwischen sprühenden Funken. Eine besondere Rolle im Film kommt dem historischen Feuerwerk „Shuhari“ zu, dessen Geheimnis das Trio entschlüsseln will. Was es mit diesem kosmischen, metaphorisch schwer aufgeladenen Phänomen auf sich hat, bleibt aber, wie auch vieles andere, unklar.
Shinomiya lässt die Grundsituation seines überwiegend in der Fabrik angesiedelten Films zwar äußerst simpel, überfrachtet sie aber zugleich völlig hemmungslos. „A New Dawn“ kreist um die Unsicherheiten einer klassischen Coming-of-Age-Erzählung, kreiert dabei aber ein Wirrwarr aus persönlichen Sehnsüchten und Traumata, in dem man als Zuschauer schnell die Orientierung verliert. Der Film ist zwar sehr dialoglastig, jedoch ohne dass diese Gespräche tiefer in die Handlung oder näher zu den Figuren führen. Der Einsatz unterschiedlicher Zeitebenen macht das Verständnis zwischen all den sprunghaften Themenwechseln nicht unbedingt leichter.
Wer sind diese verletzten jungen Menschen?
Ständig fühlt man sich, als würden dem Publikum wesentliche Informationen vorenthalten werden, was zu einer entfremdenden Distanz führt. Wer sind diese scheinbar zutiefst verletzten jungen Menschen, deren Hintergründe und Beziehungen im besten Fall mit Schlagworten abgehandelt werden? Gegen Ende zaubert der Film gar noch eine behördliche Intrige aus dem Hut, aber zu diesem Zeitpunkt wundert man sich darüber auch nicht mehr. Es ist wohl die beste Entscheidung von „A New Dawn“, dass er in seinem Finale sämtlichen erzählerischen Ballast hinter sich lässt, um sich ganz auf seine Tugend zu konzentrieren: die visuelle Opulenz eines gigantischen Feuerwerks, die man nur sehen, nicht aber verstehen muss.






